Bootleg Objects, Series Sound, 2003

Ein Phono-Radio ohne das Phono, ein Kassettenreceiver ohne Kassette, und ein Plat­ten­spie­ler, der sich nicht dreht, sind die drei ersten Objekte der Serie Bootleg Objects. Den drei ehrenwerten De­si­gn­klas­si­kern ist hier wohl was geklaut worden. Oder wurde etwas hin­zu­ge­fügt? Der Name deutet es an: Bootlegging ist historisch das Schwarz­bren­nen von Alkohol, später wandelt sich der Begriff zur Bezeichnung von illegalen Kon­zert­mit­schnit­ten. Heute be­nennt Bootleg den Musikstil der Re­kom­bi­na­ti­on, des (vorzugsweise klammheimlichen) Verquickens möglichst disparater Pop­stü­cke. Ver­schnitt/Mit­schnitt also. Unbekümmert subversives Sampling von Objekten, Selbstbedienung im Design Museum, Entwerfen unter fröhlich-treudoofer Missachtung kommerzieller und juristischer Reglements wie Ur­he­ber­schaft oder Marktfähigkeit. Ein Ausdruck von Wertschätzung der Qualitäten des ursprünglichen Objekts. Aber auch seine eigentlich iko­nok­las­tische De­kon­struk­ti­on. Ge­gen­stand der Ge­stal­tung ist nicht mehr – wie traditionell – die Annäherung von Form und Funktion, sondern viel­mehr die Po­si­tio­nie­rung in einem Zielkontext durch meta-​ge­stal­te­ri­sche Entscheidungen wie z.B. die Wahl des Zitats oder die An­ord­nung der vor­ge­fun­de­nen Elemente. Die drei Objekte folgen drei ver­schie­de­nen Ansätzen des Sich-Aneignens einer Form [Methods of Appropriation]: Im ReBraun steht die Re­kom­bi­na­ti­on im Vordergrund - Die meisten Wesensmerkmale sind erhalten geblieben, doch auf der Ober­flä­che verrutscht, neuen Zwecken zu­ge­glit­ten . Beim ReBO ist dagegen nichts bewegt worden. Stattdessen hat sich ein Fremdkörper - der Touchscreen - in­te­gra­tiv dazugemogelt. Beim Plat­ten­spie­ler Re-SL schließlich hat sich (wenn man von der Clownerie dreier Mi­ni­ma­ni­pu­la­tio­nen absieht) gar nichts verändert. Dafür ist der Nutzungskontext kurzerhand aufgehoben worden. Alle Funk­tio­nen sind komplett anders, als er­war­tet, und alle bisherigen Be­dien­ele­men­te sind tot. Skinning - Häuten - nennt man den Prozess, Software frei ge­stalt­bar zu machen; bei Com­pu­ter­pro­gram­men, die skinnable sind, können Aus­se­hen, An­ord­nung und sogar Ver­hal­ten der Be­dien­ele­men­te frei definiert werden. Dasselbe Prinzip haben die Gestalter hier auf Produkte an­ge­wandt: Ein handelsüblicher PC - nichts weiter verbirgt sich im inneren der Bootleg Objects - wird auf eine spezielle Aufgabe hin optimiert und erhält eine neue, alte, teilweise ehrliche Haut. (Dieser Text und die folgenden Kurz­be­schrei­bungen: Max Wolf)

PDF Bootleg Objects, Series Sound (1.6 MB)


Premiere hatte die Series Sound auf der Mailänder Möbelmesse 2003. Sie wurde von DOOG Design aus Holland prä­sen­tiert. Danach waren die über­ar­bei­teten Hifi-Anlagen auf über 20 Austellungen rund um die Welt zu sehen.

Alle 3 Geräte der Series Sound wurden 2005 vom CENTRE POMPIDOU in Paris angekauft und danach bei ver­schie­de­nen thematischen Aus­stel­lun­gen gezeigt. Inzwischen wurden sie in die Dau­er­aus­stel­lung aufgenommen.

http://www.bootleg-objects.com






© Fotos: Markus Bader, Max Wolf
Verlauf
Series Sound, ReBraun

MP3 Jukebox und Server
Originalgehäuse, digitale Daten, mixed Multimedia, Aluminium, Acrylglas, Stahl,
Flüssigkristall. CNC-gefräst, geschweißt, thermogeformt, lackiert, eloxiert
Programmiert mit dem VVVV Multipurpose Toolkit
In Zu­sam­men­ar­beit mit Max Wolf und Sebastian Oschatz (Programmierung)

Die Audio 1 Kompaktanlage der Firma Braun - entworfen im Jahr 1962 von Dieter Rams - ist ein Meilenstein im deutschen Nachkriegsdesign. Mehr noch als Ihr Vorgänger, der bekannte Schneewittchensarg, verkörpert sie das Ge­stal­tungsideal der rationalistischen Ulmer Schule. Die nüchternen Maßgaben der Zweckdienlichkeit und Sachlichkeit werden im ReBraun neu arrangiert und spielerisch verändert: Die Radioskalen weichen zwei TFT-Anzeigen, die Beschriftung der eloxierten Frontplatte zitiert ironisch die Sprachgewohnheiten der elektronischen Gründerzeit (z. B. heißt die Funktion zum Aufrufen von In­ter­net-Streams Netz-Stationen). Ein zufällig positionierter Knopf namens Zufall steht für die Losgelöstheit von mechanischen Sachzwängen. Die Antenne empfängt kein UKW, sondern In­ter­net-Daten über Wireless-LAN, Gehäuse und Haube wurden aus sportlichen Gründen um einige Zentimeter tiefer gelegt, ein Schauglas für die Radioabstimmung wird zum Tabernakel für das alte Braun-Typenschild.
BO ReBraun Bild 1
nothing Original Braun Audio 1
VerlaufBO ReBraun Bild 2
nothing ReBraun
VerlaufBO ReBraun Bild 3
nothing Mechanische Schalter und Drehschalter bzw. -regler die über eine USB-Schnittstelle angebunden sind / Flachbildschirm
VerlaufBO ReBraun Bild 4
nothing ReBraun auf dem Tokyo Designer Block
Verlauf
Series Sound, ReBO

Design-Dummy mit LCD-Bildschirm und DVD-Player
Originalgehäuse, mixed Multimedia, Flüssigkristall, Teakholz.
CNC-gefräst, eloxiert, manuell über­ar­bei­tet
In Zu­sam­men­ar­beit mit Max Wolf

Das von Jacob Jensen 1973 für Bang & Olufsen entworfene Beocenter 1400 verkörpert den Inbegriff skandinavischen Designs am Höhepunkt seiner geschichtlichen Relevanz. Formensprache, Verhältnis von Natur und Technik, und Formalismus im Interfacedesign beschwören den Geist des Modernismus herauf. In der Reihe der Bootleg Objects steht der ReBO stellvertretend für die Ära der Musikkassette. Das Kassettenfach birgt nun allerdings ein Lesegerät für Speicherchips. Ferner versteckt sich ein DVD-Laufwerk in einer bislang brachliegenden Schattenfuge, und ein 16:9-TFT-Display hat sich formschlüssig hinzugesellt. Der Schieberegler mit Feintrieb, der die Senderwahl steuerte, ist jetzt zugleich Anzeige und Stellzeug für eine Vielzahl von Funk­tio­nen. Folgerichtig lautet die Beschriftung des Ziffernblatts statt Tuning jetzt Anything.
nothing
BO ReBO Bild 1
nothing Original Bang & Olufsen Beocenter 1400
Verlauf
nothing ReBO
Verlauf
Series Sound, ReSL

Originalgehäuse, digitale Daten, mixed Multimedia, Magnesium,
Hartgummi, Faserbeton, Acrylglas. Manuell über­ar­bei­tet.
Programmiert mit dem VVVV Multipurpose Toolkit
In Zu­sam­men­ar­beit mit Max Wolf und Sebastian Oschatz (Programmierung)

Seit Markteinführung im Jahr 1980 hat sich der Technics SL 1210 MKII zum Altar des DJ-Kults ent­wi­ckelt. Seine technischen Innovationen prägten seinerzeit entscheidend die Entwicklung ganzer Musikstile. In der Bootleg-Version als ReSL wurde er aber aller Funktion beraubt: Der Plattenteller ist unbeweglich, der Zentrierdorn verschwunden. Anstelle von Schallplatten legt man mit einem Spezialchip (RFID) versehene Souvenirs auf - etwa einen Ausschnitt aus dem original-Plattencover, oder eine leere CD-Hülle. Zum Weiterspringen in der Stückabfolge verabreicht man dem Gehäuse einen Klaps mit der flachen Hand. Befreit von allen funktionalen Sachzwängen wird der Plat­ten­spie­ler zum nostalgischen Kultgegenstand, das Ritual der Musikauswahl zur ästhetischen Kontemplation, das Aufbewahren der Plattenhüllen wird als romantische Geste erkennbar.
nothing
BO ReSL Bild 1
nothing Original Technics SL 1210
VerlaufBO ReSL Bild 2
nothing ReSL, RFID-Tag (rötliche Scheibe auf der grauen Filzfläche)
VerlaufBO ReSL Bild 3
nothing Magnetspule im Plattenteller (RFID-Aktivierungsfeld)
VerlaufBO ReSL Bild 4
nothing ReSL auf dem Tokyo Designer Block
Verlauf
nothing
nothing
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